27. Januar 2024

Die Polyvagale Theorie: 5 Fakten über Sympathikus und Parasympathikus, die du kennen solltest

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Dein autonomes Nervensystem ist mit dem Sympathikus und Parasympathikus für sämtliche unwillkürliche, also nicht bewusst steuerbare Prozesse verantwortlich. Im folgenden Artikel erfährst du 5 Fakten, die du über diese beiden Zweige wissen solltest. 

Außerdem erkläre ich die Polyvagale Theorie, die in der Funktion deines autonomen Nervensystems eine entscheidende Rolle spielt.

Die Hauptaufgabe des autonomen Nervensystems ist es, dein Überleben zu sichern.

Um dies zu gewährleisten, nimmt es über die fünf Sinnesorgane permanent Umgebungsreize auf, um potenzielle Gefahren frühzeitig zu erkennen und das Gehirn darüber zu informieren. 

Anhand dieser Informationen werden dann je nach Gefahrenstufe verschiedenste körperliche, emotionale und mentale Vorgänge aktiviert, die darauf abzielen, dich am Leben zu halten:

  • Steuerung der unwillkürlichen, lebenserhaltenden Prozesse im Körper, z.B. Herzschlag und Atmung, Verdauung und Immunsystem uvm.
  • Aktivierung des Überlebensmodus in Gefahrensituationen mit dem dazugehörigen Kampf- oder Fluchtverhalten bzw. dem vollständigen Erstarren oder einem Kollaps, falls kämpfen oder fliehen keine Option mehr zu sein scheint
  • Ermöglichung von sozialem Austausch und Interaktion mit der Welt durch ein gezieltes Kontaktverhalten, um das Überleben über soziale Zugehörigkeit und gegenseitige Unterstützung zu sichern

Hierbei spielen der Sympathikus und der Parasympathikus eine große Rolle. 


1. Der Parasympathikus entspannt und entschleunigt. Der Sympathikus aktiviert und beschleunigt.

Generell besteht das autonome Nervensystem aus dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Das haben wir sicher alle in der Schule schon einmal irgendwann gelernt.

Dabei gilt der Sympathikus als so etwas wie unser Gaspedal und ist für sämtliche aktivierenden Prozesse in unserem Körper verantwortlich. Dazu zählt auch die sog. Kampf- oder Fluchtreaktion in Stress- und Notfallsituationen. Der Sympathikus versetzt den Körper quasi in Alarmbereitschaft und macht ihn bereit, schnell zu handeln. So steigen bei seiner Aktivierung zum Beispiel die Herz- und Atemfrequenz und der Blutdruck.

Der Parasympathikus gilt dabei eher als Bremse und ist für alle entspannenden und entschleunigenden Prozesse verantwortlich. Er galt lange Zeit als Gegenspieler des Sympathikus und es bestand die Annahme, dass wir entweder sympathisch oder parasympathisch aktiviert seien.



2. Der Parasympathikus besteht aus zwei neuronalen Pfaden: dem  ventralen und dem dorsalen Vagusnerv.

Im Jahr 1994 präsentierte der Psychologe und Neurowissenschaftler Stephen Porges die polyvagale Theorie - das Ergebnis seiner jahrelangen Arbeit und Untersuchungen des autonomen Nervensystems.

Die Theorie löst das auf, was er bis dahin als vagales Paradoxon bezeichnet hatte - nämlich unzählige Beobachtungen während seiner Forschungsarbeiten, die Fragen aufwarfen und die bis dahin vorherrschende Theorie eines einheitlichen Parasympathikus (der zu einem großen Teil aus dem sog. Vagusnerv besteht) ins Wanken brachten.

Porges stellte nämlich in seinen Untersuchungen des autonomen Nervensystems fest, dass es gerade in der parasympathischen Aktivität keine so einheitlichen Verhaltensweisen zu beobachten gab, wie es bis dahin angenommen wurde. Diese Uneindeutigkeit veranlasste ihn, das autonome Nervensystem mehr zu erforschen und zu untersuchen, was im Parasympathikus wirklich vor sich ging.

Durch seine intensiven Studien der neuronalen Abläufe im Körper fand er heraus, dass der Vagusnerv (Parasympathikus) zweigeteilt ist und sich in den sog. dorsalen und ventralen Zweig unterteilen lässt. Beide erfüllen im Nervensystem zwar eine grundsätzlich parasympathische (also entschleunigende) Aufgabe, bewirken dies jedoch auf gänzlich unterschiedliche Art und Weise.

Es zeigte sich außerdem, dass die unterschiedlichen Zweige im parasympathischen System zu vollkommen unterschiedlichen Verhaltensweisen führten, wenn sie sich aktivierten. 

Selbst wenn die polyvagale Theorie inzwischen kritisch hinterfragt wird und sich nicht als ganz so eindeutig herausgestellt hat, kann sie unterschiedliche Nervensystemzustände gut erklären.

 

3. Der ventrale und der dorsale Pfad des Parasympathikus entschleunigen das System auf unterschiedliche Weise.

Gemäss der Polyvagaltheorie können wir uns den ventralen Zweig vorstellen, wie das normale Bremspedal im Auto, bei dem wir die Möglichkeit haben, den Bremsvorgang zu dosieren und die Bremsreaktion zu modulieren. Wir können mal ein wenig bremsen und sanft entschleunigen, wir können mal fester auf die Bremse treten und das Tempo schneller rausnehmen.

Der gesamte ventrale Pfad sorgt dafür, dass wir prosozial eingestellt sind und zwischenmenschliche Beziehungen in den Fokus rücken. Er aktiviert unsere Fähigkeit, uns oder andere zu beruhigen, zuzuhören, flexibel auf die Umgebung zu reagieren und er ermöglicht es uns auch, dass wir sowohl geben als auch nehmen können.

Der dorsale Zweig hingegen ist weniger moduliert und kennt keine Abstufungen des Bremsprozesses, weshalb er oftmals mit der Notbremse verglichen wird. Diese kann ich ziehen und komme dadurch abrupt vollständig zum Stillstand - ohne das sanfte Abbremsen, wie bei der regulären Bremse. Und so, wie die Notbremse nur bei Gefahr gezogen wird, wenn es keine anderen Optionen mehr zu geben scheint, so aktiviert sich auch der dorsale Vagus als letzte Option sehr abrupt, um über den Stillstand und das Herunterfahren des Systems das Überleben zu sichern.

Jeder dieser neuronalen Pfade wird automatisch aktiviert oder deaktiviert, je nachdem, ob das autonome Nervensystem eine potenzielle Gefahr wahrnimmt und was die Situation gerade erfordert. Dieser Wechsel von einem Nervensystemzustand zum nächsten geschieht, um das Überleben bestmöglich sicherzustellen.



4. Es gibt eine autonome Hierarchie der verschiedenen autonomen Pfade des Sympathikus und Parasympathikus.

In der Polyvagaltheorie wird davon ausgegangen, dass die Aktivierung der verschiedenen neuronalen Pfade in einer bestimmten Reihenfolge geschieht und es damit eine autonome Hierarchie gibt.

Diese besagt, dass wir bei wahrgenommener Gefahr immer vom ventral-parasympathischen Zustand in den Fluchtmodus des Sympathikus wechseln, dann in den Kampfmodus des Sympathikus und erst, wenn wir unser Überleben durchs Kämpfen nicht mehr sichern können, aktiviert sich der dorsal-parasympathische Zweig.

Ich beschreibe das gerne die Analogie eines Thermometers, bei dem die unterschiedlichen autonomen Zustände den verschiedenen Temperaturbereichen entsprechen.

Dabei entspricht der ventrale Vagus den kühleren Temperaturen, d.h. mit einem aktiven ventralen Vagus sind wir “cool” und entspannt und fühlen uns grundsätzlich sicher und können sozial interagieren.

Passiert dann irgendetwas Unerwartetes oder nehmen wir eine Gefahr wahr, dann wird unser Gemütszustand schon mal etwas “hitziger”, d.h. die Temperatur auf dem Thermometer steigt. Dieser Bereich entspricht dann dem Sympathikus bzw. dem Kampf- oder Fluchtmodus des Mobilisierungssystems.

Dauert die Gefahr dann weiterhin an oder wird als extrem wahrgenommen, steigt die innere Betriebstemperatur weiter an. Hier kann es dann passieren, dass das System irgendwann vollständig überhitzt und sich - ähnlich wie ein überhitzter Computer - einfach herunterfährt. Das entspricht dann dem dorsalen Vagus bzw. Shutdown-Modus (Immobilisierung).

Das ist beispielsweise auch das, was bei Burnout (ausgebrannt sein) passiert. Es war so viel Sympathikus-Aktivität und Dauerstress vorhanden und das System kam gar nicht mehr zur Ruhe und konnte sich nicht mehr in die kühlen Temperaturen entspannen, so dass es irgendwann ausbrennt.

Um aus einem Shutdown-Modus wieder herauszukommen, führt der Weg entsprechend dieser autonomen Hierarchie immer auch zuerst über die Sympathikus-Aktivität und Mobilisierung, bevor das System dann wieder in den ventralen Zustand finden kann.



5. Die unterschiedlichen neuronalen Pfade deines autonomen Nervensystems können gleichzeitig aktiv sein. 

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Polyvagaltheorie ist es, dass die unterschiedlichen Zweige des autonomen Nervensystems sich nicht gegenseitig in ihrer Aktivität ausschließen, so wie es bisher in Bezug auf Sympathikus und Parasympathikus angenommen wurde.

Statt dass es also Gegenspieler im Nervensystem gibt, geht man jetzt davon aus, dass die unterschiedlichen neuronalen Pfade gleichzeitig aktiv sein können - und zwar jeweils in einem eher geringen Tonus (geringe Nervenaktivität) und einem eher hohen Tonus (hohe Aktivität).

Dementsprechend können sich Mischzustände der verschiedenen autonomen Zustände ergeben. Das kannst du dir so vorstellen, wie beim Farbenmischen, wo aus nur drei Grundfarben - Gelb, Rot und Blau - sämtliche Farben dieser Welt gemischt werden können.

Aufs Nervensystem bezogen kann man also sagen, je nachdem, wie die drei Aspekte - ventral, sympathisch und dorsal - zusammengemischt werden und ob sie in einem eher hohen oder einem niedrigen Tonus vorkommen, so ergibt sich die Färbung, durch die wir die Welt sehen.

Ein hoher sympathischer Anteil bewirkt tendenziell eher eine Grundfärbung und Sichtweise aufs Leben, bei der immer die Gefahren gesucht werden. Wir sehen die Welt also durch eine Brille, die überall das Schlechte vermutet.

Wird jetzt jedoch diesem hohen Sympathikus-Tonus auch ein hoher ventraler Tonus beigemischt, so wird das Gefahrenempfinden durch die Sicherheit des ventralen Zustands neutralisiert und heraus kommt ein Zustand, der von spielerischer Energie geprägt ist. Spielerisches Kämpfen und Fliehen mit hoher Aktivität, bei gleichzeitigem Sicherheitsempfinden.

Ein hoher sympathischer Tonus, der jedoch mit einem ebenfalls hohen dorsalen Tonus einhergeht, bei kaum Vorhandensein von ventraler Energie (Sicherheit) ergibt einen Freeze-Zustand. Es werden quasi das Gaspedal und die Notbremse gleichzeitig gezogen. Zwar ist dort viel Aktivität vorhanden und das System nutzt sich ab, doch es bewegt sich kaum etwas.



Fazit

Um die Funktionsweise deines autonomen Nervensystems zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, dass dieses nicht nur aus Sympathikus und Parasympathikus besteht, die als Gegenspieler agieren (Gaspedal und Bremse). 

Mittlerweile wird angenommen, dass das autonome Nervensystem in drei neuronale Pfade (ventral, dorsal, sympathisch) unterteilt werden kann. Diese schließen sich auch nicht gegenseitig in ihrer Aktivität aus, so wie es bisher angenommen wurde. Vielmehr können sie gleichzeitig in unterschiedlicher Intensität aktiv sein, woraus sich dann der Zustand deines Nervensystems ergibt. 

In einem regulierten Nervensystem halten die verschiedenen Aktivitätslevel die Waage. Das Nervensystem ist also nicht immer automatisch entspannt. Es reagiert einfach flexibler auf Stress und Anspannungen und kann sich auch wieder zurück regulieren.

Kommt dein Nervensystem durch Stress oder andere Faktoren in einen dysregulierten Zustand, ist diese Fähigkeit eingeschränkt. Es fällt in einen dauerhaften Alarmmodus oder es kommt sogar zum vollständigen Kollaps.


Wenn du noch tiefer in das Thema „Nervensystem“ eintauchen möchtest, hör dir gern auch folgende Podcast-Episoden an:

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