Vielleicht kennst du diese Momente, in denen dich deine eigene Reaktion überrascht. Eine Kleinigkeit bringt dich aus dem Gleichgewicht. Ein Blick verunsichert dich. Etwas in dir spannt sich an, ohne dass du genau benennen kannst, warum.
Im Kopf wirkt das oft unverständlich. Wir fragen uns, weshalb wir so reagieren, obwohl die Situation objektiv harmlos erscheint. Und dennoch fühlt sich das Erleben im Körper eindeutig an. Da ist Unruhe, Enge oder innere Alarmbereitschaft, noch bevor wir darüber nachdenken können.
Die bisherigen Ausschnitte aus meinem Buch Kein neues Ich, die ich im Rahmen von Verbundensein statt Vorsätze geteilt habe, führten von der Frage, wie wir uns fühlen wollen, hin zu inneren Impulsen.
Der Ausschnitt, den ich hier teile, ergänzt das um eine weitere Perspektive und hilft, das Nervensystem besser zu verstehen. Es geht darum, warum unsere Reaktionen so sind, wie sie sind, und wie sie durch unser inneres Netzwerk aus Erfahrungen, Erinnerungen und Schutzmustern geprägt werden.
Aus dem Kapitel "NeuroEmbodiment: Warum der Weg zurück zu uns über das Nervensystem führt"
Wenn wir beginnen, bewusster verkörpert zu sein, taucht früher oder später eine entscheidende Frage auf: Warum reagieren wir überhaupt so, wie wir reagieren? Warum spannen sich unsere Schultern an, wenn uns jemand zu nahe kommt? Oder warum fühlen wir uns plötzlich unsicher, obwohl äußerlich nichts Bedrohliches geschieht?
Die Antworten darauf liegen dort, wo all unsere Erfahrungen gespeichert sind. Denn auch wenn es so wirkt, als seien unsere Reaktionen eine direkte Folge dessen, was im Außen geschieht, ist das nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Die Welt trifft nämlich nicht ungefiltert bei uns ein. Jeder Sinnesreiz durchläuft zuerst ein inneres Netzwerk aus Erfahrungen, Erinnerungen und Schutzmustern, die sich im Laufe des Lebens in uns verankert haben.
Das lässt sich gut mit einem Wasserleitungssystem vergleichen. Stell dir vor, klares Wasser strömt aus einer reinen Quelle in ein Rohrnetzwerk. Bis es aus deinem Wasserhahn kommt, hat es jeden Zentimeter dieser Leitungen durchlaufen und wenn die Rohre verschmutzt oder beschädigt sind, kommt das Wasser trüb bei dir an, selbst wenn die Quelle kristallklar ist.
Mit unserem inneren Erleben ist es ähnlich. Das Netzwerk, durch das alle Sinneswahrnehmungen hindurchfließen, ist das autonome Nervensystem. Dort erhalten die Reize ihre Färbung, je nachdem, ob das System angespannt oder sicher, erschöpft oder verbunden, überlastet oder zentriert ist. Was wir schließlich wahrnehmen, ist das Ergebnis dieses inneren Filters und kein objektives Erleben.
Wir bemerken jedoch meist nur diese gefärbten Gefühle und Gedanken oder beobachten die äußere Reaktion. Deshalb richtet sich auch unser Versuch, etwas zu verändern, oft nur auf das, was an der Oberfläche sichtbar wird. Vielleicht stören wir uns an unserer Schüchternheit und wollen daher selbstbewusster werden. Oder wir empfinden unsere Nervosität als Problem und wünschen uns, ruhiger oder gelassener zu wirken.
Mit diesem Fokus auf das Sichtbare verlieren wir jedoch den Blick für das innere Leitungssystem, das all diese Regungen hervorbringt.
Jede Reaktion und jede Anspannung, jede Körperhaltung und jeder Impuls entsteht aus den Verschaltungen, die sich im Nervensystem eingeprägt haben und bis heute wirken.
Aus genau diesen Verschaltungen entwickeln sich auch die Muster, die wir heute als Problem erleben wie beispielsweise unsere Schüchternheit oder Nervosität. Vieles davon geht auf frühere innere Lösungen zurück, die sich in bestimmten Momenten bewährt haben und dem Nervensystem Orientierung geben. Sie wirken weiter und zeigen sich auch heute noch in der Art, wie wir der Welt begegnen oder was in bestimmten Situationen in uns aufkommt.
Wenn wir das außer Acht lassen, übersehen wir den Ursprung des Erlebens. Es ist ein wenig so, als wollten wir jeden getrübten Wassertropfen einzeln reinigen, nachdem er aus der Leitung kam, anstatt die Rohre selbst zu säubern, und dafür zu sorgen, dass von jetzt an klares Wasser fließen kann.
Dieses Wissen über das Nervensystem kann entlastend sein. Es hilft, Reaktionen einzuordnen und uns selbst weniger infrage zu stellen. Wirklich etwas bewirken kann es jedoch erst, wenn wir den eigenen Körper dabei mitnehmen. Denn das Nervensystem zeigt sich nicht über Gedanken, sondern über Empfindungen.
Die folgende Praxis lädt dich deshalb ein, mit diesen Empfindungen in Kontakt zu bleiben und wahrzunehmen, was sich gerade zeigt, ohne etwas verändern zu müssen.
Moment mit dir
Dich und deinen Körper spüren
Manchmal verspüren wir den Wunsch, uns gut fühlen zu wollen. Doch dieser Moment hier lädt dich zu etwas anderem ein: dich wirklich zu fühlen, ganz gleich, was gerade da ist. Vielleicht nimmst du eine Unruhe wahr, oder Schwere, ein Ziehen im Bauch. Vielleicht auch gar nichts.
Spür, was da ist, ohne es zu bewerten oder verändern zu wollen. Und bleibe für einen Moment mit der Aufmerksamkeit in deinem Körper. Vielleicht beim Atem. Vielleicht bei einer Stelle, die sich eng oder leer anfühlt. Oder wohin auch immer es dich zieht.
Du musst nichts daraus machen, einfach nur da sein. Es geht nicht darum, dich gut zu fühlen, sondern darum, dich überhaupt zu fühlen. Auch mitten im Alltäglichen. Auch wenn gerade nichts Besonderes geschieht.
Vielleicht nur für einen Atemzug, für einen kurzen Moment mit dir. Mehr braucht es nicht.
Vielleicht magst du dir in den nächsten Tagen immer wieder einen kurzen Moment nehmen, um bei dir anzukommen. Nicht, um etwas zu analysieren, sondern um wahrzunehmen, wie dein Körper gerade reagiert. Oft entsteht genau dort mehr Verständnis für dich selbst.
Wenn dieser Ausschnitt dich berührt oder etwas in dir in Bewegung gebracht hat, kannst du mein Buch "Kein neues Ich" schon jetzt vorbestellen.
Jede Vorbestellung unterstützt nicht nur meine Arbeit, sondern hilft auch dabei, dass dieses Buch Menschen erreicht, die sich auf eine ehrliche und körpernahe Weise mit sich selbst verbinden möchten.
Praxiscall - Live & Online
Mit NeuroEmbodiment zurück zu dir
Wie du zur Ruhe kommen und wieder mehr zu dir selbst finden kannst, statt nur im Autopilot zu funktionieren



