Zwei Geschichten über den Zorn
Der Blinde im Park... Und: Das Leere Boot

Leeres Boot
28. März 2018

Das Leere Boot

Ein Schüler fragte seinen Meister, wie er besser mit Zorn umgehen könne.

Der Zen-Meister antwortete:

„Stell Dir vor, es ist ein nebliger Tag. Du bist mit deinem Boot draussen auf dem See. Durch den Nebel kannst du kaum etwas erkennen. Bis plötzlich ein anderes Boot durch die Schwaden genau auf dich zukommt.

Du wirst zornig. Du denkst: Na so ein Idiot, ich habe erst gestern mein Boot neu angestrichen … und schon kracht das fremde Boot in deins hinein. Du kannst die frische Farbe, die du gestern so mühevoll aufgetragen hast, geradezu abblättern hören. Zorn!

Dann schaust du genauer hin und siehst: das andere Boot ist leer. Niemand drin. Niemand, der dich absichtlich gerammt hat.

Dein Zorn verfliegt. Du seufzt und denkst: Ach was soll’s, dann muss ich demnächst eben noch mal streichen.

Die Sache ist für dich damit gelaufen.“

Der Zen-Meister fuhr fort: „So ist es mit allem im Leben und mit allen Menschen, denen du begegnest: Es ist, als würden wir von einem leeren Boot gerammt werden.“

Der Schüler sagte: „Hmm, da ist was dran. Aber selbst wenn ich sehe, dass das Boot leer ist: ich werde erst einmal die ganze Welt verfluchen und mir einfach vorstellen, es sässe jemand in dem Boot, der mir absichtlich schaden will.“

Da antwortete der Meister: „Wohl wahr. So ticken wir Menschen. Doch je mehr wir üben, umso leichter können wir uns beruhigen und sehen, wie lächerlich und nutzlos es doch ist, an Zorn festzuhalten. Schuld ist immer das leere Boot.“



Der Blinde im Park

Einst fragte Zen-Schüler Callum seinen Meister: «Wie schaffe ich es, mich nicht mehr über den Egoismus meiner Mitmenschen zu ärgern?»

Der Zen-Meister antwortete: "Stell dir vor, du gehst am frühen Morgen durch einen sonnigen Park. Du spürst einen zarten Wind im Gesicht, ansonsten ist alles ruhig. Dein Blick wird von hellgrün leuchtenden Trauerweiden angezogen, deren Zweige sanft die Oberfläche eines Teiches voller Seerosen streicheln. Ein zartblauer Eisvogel gleitet über das Wasser, landet auf der Bank vor dir und stimmt sein zauberhaftes Lied an. Völlig versunken lauschst du dem Gesang des winzigen Stimmwunders. Plötzlich wirst du grob an der Schulter gerempelt.

Du starrst auf den breitschultrigen Unhold, während der Schmerz in deine Schulter schiesst. Der Vogel entflieht, Ärger flutet deinen Geist. Wie kann dieser Idiot ..."

Lächelnd schaut der Zen-Meister seinen Schüler an, der verständnisvoll nickt.

Der Meister fuhr fort: "Doch dann schaust du den Übeltäter ins Gesicht und erkennst, dass seine Augen völlig weiss sind. Du durchschaust: Ich zürne einem Blinden ..."

Das Nicken des Schülers endet abrupt.

"... und dein Zorn verschwindet. Dein Schmerz tritt in den Hintergrund, Mitleid über den Blinden kommt auf. Zudem scheint er sich auch weh getan zu haben. Du hörst seine Entschuldigung und winkst ab: Kein Problem, ist doch nichts passiert, ich hätte besser aufpassen sollen. Sie können doch nichts dafür..."

Der Zen-Meister beugt sich zu seinem Schüler hinab. "Wenn du erkennst, dass der Mensch blind ist, Callum, vergibst du ihm seine Schuld. Das ist der Trick, du musst dir bei einem Ärgernis sagen, dass der Mensch blind ist. Oder taub, je nachdem. Dann nimmst du den Vorfall die Schuld und kannst wesentlich leichter deinen Geist in Ruhe halten. Denn fast nie wird dir ein Mensch absichtlich Leid zufügen, er hat nur seinen eigenen Vorteil im Gewahrsein. Die bitteren Früchte seiner Tat übersieht er einfach."


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Über Britta Kimpel

Britta Kimpel Administrator
Britta ist Psychologin, Coach für mehr Erfüllung im Leben & Business, sowie Yoga- und Embodimentlehrerin. Ihre Arbeit richtet sich an Menschen, die eigentlich schon alles haben, und sich trotzdem manchmal innerlich leer fühlen. Mit verschiedenen Angeboten (Coaching, Online-Kurse, Podcast, uvm.) unterstützt sie sie dabei, genau das wieder zu finden, was ihnen fehlt: die Verbindung zu sich selbst! So können sie dann ein wirklich erfülltes und zufriedenes Leben im Einklang mit ihrer Seele gestalten.

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