​Die Stadt der Brunnen
Eine Weisheitsgeschichte von Jorge Bucay

Die Stadt der Brunnen
15. April 2018

Die Stadt war nicht wie alle anderen Städte dieses Planeten von Menschen bewohnt. Diese Stadt wurde von Brunnen bewohnt. Von lebenden Brunnen zwar, aber von Brunnen eben.

Die Brunnen unterschieden sich nicht nur durch ihren jeweiligen Standort, sondern auch durch die Art der Öffnung, über die sie mit der Aussenwelt verbunden waren.

Es gab prächtig ausgestattete Brunnen mit Marmorrand und kostbaren Eisenverzierungen, bescheidene Brunnen aus Holz und Backstein und noch ärmlichere, karge Löcher, die sich einfach in der Erde auftaten.

Die Verständigung der Stadtbewohner spielte sich von Brunnenöffnung zu Brunnenöffnung ab, und die Neuigkeiten verbreiteten sich unter ihnen in Windeseile. Irgendwann tauchte in der Stadt eine neue Mode auf, die sicherlich in irgendeinem Menschendorf geboren worden war. Der neue Gedanke bestand darin, dass jedes lebende Wesen, das etwas auf sich hielt, viel grössere Sorgfalt auf sein Inneres denn auf das Äussere legen sollte. Wichtig war nicht die Oberfläche, sondern der Inhalt.

Also begannen sich die Brunnen mit Gegenständen anzufüllen. Manche füllten sich mit Schmuck, Goldmünzen und Edelsteinen auf. Andere, praktischere, füllten sich mit Haushalt- und Elektrogeräten. Ein paar entschieden sich für die Kunst und füllten sich mit Bildern, Pianos und raffinierten postmodernen Skulpturen. Die intellektuellen unter ihnen schliesslich füllten sich mit Büchern, ideologischen Traktanden und Fachzeitschriften.

Die Zeit verging. Die meisten Brunnen hatten sich derart angefüllt, dass sie nicht mehr fassen konnten. Nicht alle Brunnen waren gleich, und während manche sich mit ihrem Zustand zufrieden gaben, dachten andere, dass sie immer noch weitere Dinge in sich hineinstopfen mussten.

Einer machte den Anfang. Doch anstatt seinen Inhalt noch mehr zusammenzupressen, kam ihm der Gedanke, sein Fassungsvermögen zu vergrössern, indem er sich erweiterte. Es dauerte nicht lange, da fand die Idee ihre Nachahmer. Alle Brunnen verwendeten den Grossteil ihrer Energie darauf, sich zu erweitern, um ihren Innenraum zu vergrössern.

Einem Brunnen, einem kleinen vom Stadtrand, fiel die Masslosigkeit auf, mit der sich seine Kameraden ausdehnten. Wenn sie so weitermachten, dachte er, würden bald ihre Ränder aneinanderstossen, und man könnte den einen nicht mehr vom anderen unterscheiden. Das brachte ihn darauf, dass es noch eine andere Wachstumsrichtung gab, und zwar nicht in die Breite, sondern in die Tiefe. Man konnte tiefer statt breiter werden.

Sofort realisierte er, dass alles, was er in sich trug, ihn daran hinderte, tiefer zu werden. Wenn er tiefer werden wollte, musste er sich also von seinem Inhalt befreien. Zuerst fürchtete er sich vor der Leere. Doch als er sah, dass es keine andere Möglichkeit gab, machte er sich ans Werk. Er befreite sich von all seinem Besitz und gewann an Tiefe, während sich andere jener Dinge bemächtigten, von denen er sich losgesagt hatte.

Eine Tages erlebte der Brunnen, der in die Tiefe ging, eine Überraschung. In seinem Inneren, ganz tief in sich drin, stiess er auf Wasser. Noch nie war ein Brunnen in sich selbst auf Wasser gestossen. Unser Brunnen erholte sich schnell von seiner Überraschung und begann mit dem Wasser, das aus seiner Tiefe kam, zu spielen. Er besprenkelte seinen Rand, und zuletzt beförderte er Wasser nach draussen. Noch nie war die Stadt anders bewässert worden als durch den Regen, der allerdings ziemlich selten fiel. So kam es, dass das Land rund um den Brunnen zu neuem Leben erwachte, grünte und gedieh. Die Samen in der Erde gingen auf und verwandelten sich in Gras, Klee, Blumen und zarte Zweiglein, die sich später zu rechten Bäumen auswuchsen. In allen Farben explodierte das Leben rings um den abgelegenen Brunnen, den sie von nun an den „Obstgarten“ nannten.

Alle wollten von ihm wissen, wie er dieses Wunder vollbracht hatte. „Von Wunder kann nicht die Rede sein“, antwortete der Obstgarten. „Man braucht bloss in seinem Inneren suchen und dabei ganz in die Tiefe gehen.“ Viele wollten dem Beispiel des Obstgartens folgen, aber der Gedanke, dass sie sich, um an Tiefe zu gewinnen, erst einmal ganz leer machen mussten, schreckte sie ab. Stattdessen erweiterten sie sich zusehends in der Breite, um sich mit noch mehr Dingen anfüllen zu können.

Am anderen Ende der Stadt unternahm ein weiterer Brunnen das Wagnis und machte sich leer. Auch er gewann an Tiefe. Und auch er stiess auf Wasser. Und auch sein Wasser sprudelte nach draussen und brachte eine zweite grüne Oase im Dorf zur Blüte. „Und was ist, wenn dir das Wasser einmal ausgeht?“ wurde er gefragt. „Keine Ahnung, was dann ist“, antwortete er. „Aber bis jetzt kommt immer mehr Wasser zutage, je mehr ich hinausbefördere.“

Es vergingen einige Monate, bis es zu einer weiteren grossen Entdeckung kam. Eines Tages, rein zufällig, bemerkten die beiden Brunnen, dass es sich bei dem Wasser, auf das sie in der Tiefe ihrer selbst gestossen waren, um dasselbe Wasser handelte. Es war der gleiche unterirdische Fluss, der unter dem einen hinwegfloss und auch den anderen tränkte.

Ihnen wurde klar, dass sich für sie ein ganz neues Leben darbot. Nicht nur, dass sie sich an der Oberfläche verständigen konnten, von Brunnenrand zu Brunnenrand, wie all die anderen, sondern dass ihre Suche ihnen auch einen neuen geheimen Verbindungspunkt offenbart hatte. Sie hatten die tiefe Verständigung entdeckt, die nur unter denen möglich ist, die den Mut haben, sich von ihrem inneren Gerümpel zu befreien, und in der Tiefe ihrer selbst nach dem suchen, was sie zu geben haben. 


Quelle: Geschichten zum Nachdenken*) von Jorge Bucay

TEIL DEN ARTIKEL IN DEINEN SOZIALEN NETZWERKEN


*) hierbei handelt es sich um einen Affiliate-Link zu Amazon. Wenn du das entsprechende Buch über den hier zur Verfügung gestellten Link kaufst, bekomme ich eine kleine Provision, mit der ich meine vielen Gratis-Angebote weiterhin kostenlos halten kann.


Über Britta Kimpel

Britta Kimpel Administrator
Britta ist Psychologin, Coach für mehr Erfüllung im Leben & Business, sowie Yoga- und Embodimentlehrerin. Ihre Arbeit richtet sich an Menschen, die eigentlich schon alles haben, und sich trotzdem manchmal innerlich leer fühlen. Mit verschiedenen Angeboten (Coaching, Online-Kurse, Podcast, uvm.) unterstützt sie sie dabei, genau das wieder zu finden, was ihnen fehlt: die Verbindung zu sich selbst! So können sie dann ein wirklich erfülltes und zufriedenes Leben im Einklang mit ihrer Seele gestalten.


Suche...


FolGE mir...



Tipps für ein erfülltes Leben

Trag dich hier ein und bekomme regelmässig Inputs, um raus aus der inneren Leere und rein in die Fülle zu kommen!

Als kleines DANKESCHÖN bekommst du direkt meine Meditation für mehr Fülle im Herzen gratis in deine Inbox!

KEIN SPAM. Du kannst dich jederzeit wieder selbständig vom Newsletter abmelden... DATENSCHUTZBESTIMMUNGEN


Das könnte dich auch interessieren

>