1. Juni 2024

Stressresistenter werden: Warum die meisten Methoden kontraproduktiv sind

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Die gängigen Methoden und Übungen, die zum Thema Stressresistenz im Internet kursieren, funktionieren nicht für alle Menschen.
Sie funktionieren nur für dich, wenn du dich gerade an einem bestimmten Punkt auf der Stress-Skala befindest. Ist das nicht der Fall, können die Techniken für dich sogar völlig kontraproduktiv sein - und dich (im schlimmsten Fall) noch anfälliger für Stress machen.

Woran das liegt, warum der Zustand des Nervensystems beim Thema “Stressresistenz” so entscheidend ist und was du wirklich brauchst, um stressresistenter zu werden, erfährst du in diesem Artikel.

Hast du das Gefühl, stressigen Situationen wie ein Fels in der Brandung zu trotzen? Frei nach dem Motto: “Komme, was wolle - mich bringt so schnell nichts aus der Ruhe…” Oder lässt du dich oft von Kleinigkeiten aus der Bahn werfen und fühlst dich nahezu permanent gestresst?

Wie gut du mit Stress umgehen kannst, hängt letztlich davon ab, wie stressresistent du bist. Während sich manche von einem Papierstapel auf dem Schreibtisch oder einer verpassten Bahn schnell gestresst fühlen, reagieren andere in solchen Situationen geradezu tiefenentspannt.
Entweder, weil sie schon so auf die Welt gekommen sind (ja, Stressresistenz ist zum Teil angeboren) oder weil sie im Laufe ihres Lebens durch bestimmte Umstände und gezieltes Training gelernt haben, in stressigen Situationen gelassen zu bleiben.

Falls du nicht zu den Glücklichen gehörst, denen die Stressresistenz in den Genen liegt, habe ich eine gute Nachricht für dich:

Stressresistenz kann - mithilfe verschiedener Methoden - trainiert werden. So können Situationen, die dich heute aus der Bahn werfen, dich (mit etwas Übung) in einigen Monaten schon nicht mehr aus dem Konzept bringen.


Warum viele Methoden zur Steigerung der Stressresistenz das Gegenteil bewirken können…

Hast du im Internet schonmal nach Tipps gesucht, um stressresistenter zu werden?

Dann bist du sicher auf ein riesiges Angebot an Blogs, Posts, Podcasts & Co. gestoßen, in denen die verschiedensten Methoden angepriesen werden. Inhalte, die dir vermitteln:

Du musst Methode XY nur erfolgreich anwenden und schon steigt deine Stressresistenz. Und zwar ganz egal, wie gestresst du dich gerade fühlst und wie lange dieses Gefühl schon andauert.

Dass das nicht funktionieren kann, veranschaulicht diese Metapher:

Nehmen wir an, du möchtest zu Fuß nach Rom wandern. Du recherchierst im Internet, wie du am besten dorthin kommst. Dabei findest den Reisebericht einer Person, die vor einiger Zeit nach Rom gewandert ist und anderen Wandermutigen ihre Tipps mit auf den Weg geben möchte. Da ihre Reise in Sizilien begonnen hat, schreibt sie, dass man - um nach Rom zu kommen - ca. 700 km in Richtung Norden gehen muss.

Angenommen, auf diesen Artikel stößt nun eine Person, die in München lebt. Sie vertraut der Empfehlung und marschiert los - 600 km nordwärts. Und landet schließlich nicht im sonnigen Rom, sondern im verregneten Hamburg.

Was ich damit sagen möchte? Bestimmte Empfehlungen können dich von deinen Zielen entfernen, wenn sie nicht berücksichtigen, wo du gerade stehst. Und zwar ganz egal, wie genial und wirkungsvoll sie scheinbar sind und von wem sie stammen.

Dasselbe gilt auch für das Thema Stressresistenz: 

Ob es dir gelingt, deine Stressresistenz zu erhöhen, hängt vor allem davon ab, auf welchem Stresslevel du dich gerade befindest - und nur in den seltensten Fällen von der eigentlichen Methode. 

Natürlich wird die Technik, die Max Mustermann in seinem Podcast seinen Zuhörern empfiehlt, für einige Menschen genau die Richtige sein. Für andere wiederum kann dieselbe Methode noch mehr Stress auslösen… 

Für manche Personen, in Abhängigkeit vom gegenwärtigen Zustand ihres Nervensystems, ist es also durchaus sinnvoll, Methoden aus dem Internet direkt anzuwenden. Die Methoden können tatsächlich helfen, belastbarer zu werden und ihre generelle Stresstoleranz zu erhöhen. Es kann aber auch sein, dass das Gegenteil eintritt.

Um das genauer zu erklären, lohnt sich ein Blick auf das Toleranzfenster.



Was das Toleranzfenster mit deiner Stressresistenz zu tun hat

Das Toleranzfenster (das du dir bildlich wie ein kleines Fenster vorstellen kannst) beschreibt den Bereich, in dem du die vielfältigen Situationen und Herausforderungen des Alltags entspannt bewältigst. Die Zone, in der sich dein Nervensystem selbst reguliert.

Innerhalb des Toleranzfensters gibt es Situationen, die dich wütend, traurig oder nachdenklich machen. Momente, in denen du dich langweilst.
Dein Nervensystem findet jedoch ohne Tools und Strategien von allein zurück in die Balance, sodass es zu keiner Kampf- oder Fluchtreaktion kommt. In diesem Bereich hast du das Gefühl, Herr (bzw. Frau) deines Verhaltens zu sein.

Je nachdem, wie stressresistent du bist, ist dein Toleranzfenster größer oder kleiner. Ein großes Fenster bedeutet, dass du auf viele Situationen flexibel reagieren kannst. Dass du in der Lage bist, Umstände wahrzunehmen, ohne sie sofort beeinflussen zu wollen. Ein kleines Toleranzfenster dagegen steht dafür, dass du oft reaktiv bist, mit Stresssituationen weniger gut zurechtkommst und schneller die Grenzen des Fensters erreichst.


Sobald du in einer Situation bist, die dein Nervensystem überfordert (und damit quasi außerhalb deines Toleranzfensters liegt), schaltet das NS in den Stress-Modus um. Du fühlst dich auf autonomer Nervensystem-Ebene nicht mehr sicher.
Dein Nervensystem kommt - je nach Situation - in eine Über- oder Untererregung, die wiederum eine Über- bzw. Unterforderung auslöst, welche dein Nervensystem auf lange Sicht dysreguliert.

Damit dein Nervensystem nicht in die Dysregulation kommt und du in Zukunft möglichst gelassen auf die Herausforderungen des Alltags reagieren kannst, ist eines der Hauptanliegen der Arbeit mit dem Nervensystem die Ausdehnung des Toleranzfensters - und damit einhergehend die Erhöhung der Stressresistenz.

Mit dem Ziel, dass Umstände, die dich aktuell stressen und aus dem Konzept bringen (weil sie außerhalb deiner Toleranzzone liegen), in einigen Monaten keine Stressreaktion mehr auslösen. 

Allerdings kannst du dein Toleranzfenster nur aus einem Gefühl der relativen Sicherheit heraus vergrößern. Wenn du also ohnehin schon gestresst bist und außerhalb deiner Toleranzgrenze lebst, kann jeder zusätzliche Stressor dramatisch wirken - und deine Stresstoleranz reduzieren, anstatt sie zu erhöhen.



Die meisten Menschen führen ein Leben im Dauerstress…

Die Methoden und Übungen, die dafür gedacht sind, deine Stressresistenz zu erhöhen, wirken also nur dann, wenn du dich innerhalb deines Toleranzfensters befindest. Wenn dein Nervensystem reguliert ist und du das Gefühl hast, mit dem, was dir widerfährt, umgehen zu können.

Der Großteil unserer westlichen Gesellschaft befindet sich jedoch schon seit Jahren außerhalb der Toleranzzone. Dadurch sind viele Methoden, die grundsätzlich sinnvoll sind, als pauschale Empfehlung für die Mehrheit der Gesellschaft völlig ungeeignet.

Damit diese Techniken überhaupt erfolgreich wirken können, musst du dich zunächst wieder in dein Toleranzfenster hineinbewegen. Von dort aus kannst du dieses dann nach und nach ausdehnen.

Denn erst, wenn du dich wieder in deiner Toleranzzone befindest, kannst du darauf schauen, was du jetzt brauchst, um dein Toleranzfenster (anhand verschiedener Methoden und Übungen) behutsam zu vergrößern.



3 Schritte, die zur Steigerung deiner Stressresistenz essentiell sind 

Um wieder in dein Toleranzfenster zurückzufinden und dein Nervensystem zu regulieren, sind drei Schritte aus meinem NeuroEmbodied Healing® Framework notwendig: Reeducate, Reconnect und Restore. 

  1. REEDUCATE. Damit du wirklich nachvollziehen kannst, was in deinem Körper vor sich geht, besteht der erste Schritt darin, dir Wissen zu dem Thema  "Nervensystem" anzueignen. Genau das hast du zum Beispiel mit dem Lesen dieses Blogartikels getan. Du weißt jetzt, was das Toleranzfenster ist, wie es funktioniert und warum es so wichtig ist, nicht einfach blindlings irgendwelche Stressresistenz-Methoden ausprobieren.

  2. RECONNECT. Sobald du dir die Theorie angeeignet hast und die Vorgänge in deinem Körper besser verstehst, geht es im nächsten Schritt darum, eine Verbindung zu dir selbst herzustellen. Dabei geht es um drei unterschiedliche Aspekte von Verbindung: 
    • Und zwar die Verbindung zum Hier und Jetzt
    • Die Verbindung zu dir selbst.
    • Und die Verbindung zu deiner Umgebung und mit anderen.
  3. RESTORE. Nachdem du die Verbindung zu dir selbst und deiner Umgebung hergestellt hast, steht im nächsten Schritt die Regeneration an.
    Anstatt dich sofort wieder zu pushen, solltest du dir Zeit nehmen, um aufzutanken. Denn gerade wenn du lange außerhalb deiner Toleranzzone gelebt hast (und so geht es wirklich vielen Menschen in unserer heutigen Gesellschaft), hast du in der Regel auch einen gewissen Tribut von deinem Körper gefordert. Nur, weil du jetzt wieder in deiner Toleranzzone bist, bedeutet es noch lange nicht, dass du sofort anfangen musst, diese auszudehnen. Nimm dir Zeit. Zeit, um zu regenerieren. Zeit, um anzukommen. Zeit, um wahrzunehmen, wie dein Körper auf diese Veränderung reagiert.



Fazit: Durch gezielte Arbeit mit dem Nervensystem stressresistenter werden

Bekannte Methoden, um stressresistenter zu werden, funktionieren nicht für alle gleichermaßen gut. Wenn sich dein Nervensystem bereits in einem stranguliertem Zustand befindet, können diese deine Stressanfälligkeit sogar noch erhöhen. 

Setze daher bei deinem Nervensystem an und spür hin, in welchem Zustand du dich gerade befindest. Von dort aus kannst du dann ansetzen und mit Hilfe des NeuroEmbodied Healing® Frameworks beginnen, dein Stresstoleranz Fenster langsam zu vergrößern.


Wenn du noch tiefer in das Thema „Stressresistenz und Nervensystem“ eintauchen möchtest, hör dir gern auch folgende Podcast-Episoden an:

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